aus: Georg Aerni. Panoramas parisiens, Paris, 1996

 

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Auf den ersten Blick könnten die Präzision und die Hingabe, mit denen Georg Aerni seine Panoramen der Pariser Boulevards aufnimmt, nur von dokumentarischem Nutzen sein. Diese sind entstanden wie Vermessungsaufnahmen und sind genauer als eine Zeichnung je sein könnte. Mit der Abstraktion einer Darstellung, die eher aus dem Gebiet der Architektur stammt als aus dem Bereich der Fotografie, geht es darum, diese Ordnung der Stadt auszuloten, die das Auge nur flüchtig erfassen kann; zu zeigen, dass sich jedes Gebäude den Vorschriften der Baulinie und der Traufhöhe unterordnen muss und trotzdem seine Einzigartigkeit findet. Es geht darum, der Faszination der städtebaulichen Demokratie zu erliegen, die uns Haussmann vermacht hat und die Gefahr ihres Verschwindens zu beklagen im Hinblick auf die allzu kargen Zähne, die in letzter Zeit in das Gebiss der Boulevards eingesetzt worden sind.


Der Entstehungsprozess ist nachvollziehbar. Seine Einschränkungen sind nicht verborgen. Es handelt sich klar um Einzelaufnahmen mit einer Fachkamera, deren verschwenkbares Objektiv vertikale Fluchtlinien verhindert. Die Uebergänge sind sichtbar. All die Mühe, die sich Aerni gibt, ihre Wirkung abzuschwächen, verhindert nicht seine Absicht, sie in eine schmale Fuge zu bannen, die ein Bild vom andern trennt. Das Vorgehen findet ebenfalls seine offensichtlichen Grenzen in der Unmöglichkeit, die seitlichen Fluchtlinien verschwinden zu lassen. So überragen die Kaminstümpfe weit mehr als natürlich die Dachflächen und, seltener zwar, bringt das Sichtbarwerden eines Giebels, eines Hebebalkens die strenge Ordnung der Darstellung ins Zittern.


Die Leichtigkeit, mit der heute Bilder bearbeitet werden können, um solche allzu offensichtlichen Fehler zu beheben, hätte zu einer einfältigen Handlung verführen können. Hinter der künstlichen Objektivität des Dokumentes eines Pseudo-Klinikers steckt die persönliche Handschrift eines Fotografen und das Bestreben, etwas anderes zu sagen, als was mit Beharrlichkeit vorgegeben wird. Auf den Boulevards sind die Autos verschwunden. Die Fotografien sind sicher am frühen Morgen, vielleicht Sonntags, entstanden. Es gibt praktisch niemanden. Damit wird die Präsenz der Gebäude noch erhöht und das Bild noch irritierender. Das Verschwinden der Seitenstrassen erinnert an die illusionistischen Bühnenbilder der Renaissance-Theater, die in der scena urbana mit perspektivischer Meisterhaftigkeit eine Täuschung der Tiefe erreichten. Der Eindruck einer Kulisse wird so verstärkt und die fehlende Tiefe sowie banale Flächenhaftigkeit der Fassaden noch widersprüchlicher. Dies umso mehr als die vertikale Korrektur des Aufnahmeobjektives eine künstliche Monumentalität betont.


So sind diese Panoramen letztlich nichts mehr als Kartenhäuser und da, wo wir es am wenigsten erwarten, erfahren wir - wie an einem winterlichen Sonntagmorgen - einen Freiheitsrausch, den uns die Stadt entschieden verweigert. Diese vergisst jeweils, sich selbst zu bespiegeln - wäre da nicht das Auge eines Fotografen.

Jean-Paul Robert