aus: Foto Relations, Ausstellungskatalog Kunsthaus Brünn, Bern, 1998

 

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Die Serie Panoramas parisiens (1995/96) ist die bisher umfangmässig grösste, möglicherweise auch wichtigste fotografische Arbeit von GEORG AERNI. Während rund eines Jahres hat der ausgebildete Architekt die Boulevards von Paris abgeschritten und in der Folge auf der Grundlage eines strengen, die formale Neutralität und Einheit der Bildserien gewährleistenden Konzepts die menschenleeren Strassen und Fassaden der Häuser fotografiert. Um grosstmögliche Objektivität bemüht, verwendete er dabei eine Fachkamera, deren verschwenkbares Objektiv vertikale Fluchtlinien verhindert. Die Einzelaufnahmen hat er anschliessend zu meterlangen Panoramen montiert, die durch die Frontalität der Aufnahmen Bildhierarchien möglichst ausschliessen. Das Resultat sind vordergründig dokumentarische, nüchterne, abstrahierend flächige fotografische Bilder ohne Effekte, welche die Grenzen des Verfahrens und der Technik nicht kaschieren und trotz des aussergewöhnlichen Interesses am Gegenstand, den sie verraten, jegliche Nostalgie vermeiden. Doch sie allein unter dem Aspekt der registrierenden und archivierenden Architekturfotografie zu betrachten, würde heissen, einen ihrer aussagekräftigsten und eigentlichen Aspekte auszublenden.

 

Auf die formalen Möglichkeiten und Wirkungen des Panoramas greifen in der zeitgenössischen Fotografie in ganz unterschiedlicher Weise Künstlerinnen und Künstler zurück. Das Medium hat, selbst dort, wo es keinen Rundblick vermittelt, die Fähigkeit, den Betrachter auf suggestive Weise einzubeziehen, ihn, nicht anders als in Aernis panoramatischen Installationen, in ein Wechselspiel zwischen realem und fiktionalem Raum einzubinden.

 

Die Boulevards von Paris sind neben ihrer Bedeutung für die Geschichte des Städtebaus starke Metaphern für Geschichte überhaupt, für Kultur, Selbstverständnis und Tradition der Stadt. An ihnen lassen sich kulturhistorische Zusammenhänge herstellen, von den städtebaulichen Massnahmen Haussmanns bis zu einer Gegenwart, deren Modernität sich im Netzwerk kommerzieller Unternehmen und ihrer Architektur dokumentiert. Aernis Bildkonstruktion erlaubt diese vielschichtige Wahrnehmung des Strassenraumes. Das Panorama ermöglicht durch die Erweiterung des Gesichtsfeldes vom statischen Bild in den Bewegungsablauf eines Films den Einbezug der Wahrnehmung von Raum und Zeit und erweitert die auf einen Blickpunkt gerichtete eindimensionale Abbildfunktion des fotografischen Bildes zu einer vielschichtigen Reflexion. Die spezifische Auseinandersetzung Aernis mit dem urbanen Raum von Paris nimmt den Anspruch auf, die Stadt als wenn auch fragmentarische, vielfach gebrochene Einheit zu begreifen und zu erfassen. In seinen fotografischen Panoramen vermag denn auch Haussmanns Ansatz einer städtebaulichen Demokratie eine Entsprechung zu finden.

 

Aber die lange Bildfläche von Aernis Panoramen zieht sich ein regelmässiges, folien- oder kulissenhaftes Fassadenband. Die Fassade, von lateinischem Gesicht abgeleitet, ist Schauseite des Gebäudes. In ihr verbindet sich individueller Ausdruck und höhere Ordnung, und sie hat als Vermittlerin zwischen innen und aussen kommunikative Fähigkeiten. Wie eine Bühne ist sie ein besonderer Ort der Darstellung. Als Folie, losgelöst von konkreten Baukörpern und unabhängig vom architektonischen Kontext, steht die Kunst der (Re-)Präsentation zur Diskussion.

© Maria Smolenicka