Rede zur Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle Winterthur, 2005

 

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Vielleicht haben Sie den Film «Lost in Translation» gesehen: Da sitzt die schöne Scarlett Johansson am Fenster des Park Hyatt-Hotels in Tokio und mit ihr sehen wir an Nachmittagen über das unendliche, blaugraue Häusermeer und nachts über die glitzernde Stadt. Aus diesem Häusermeer ragen vereinzelt Gruppen von Hochhäusern heraus, es sind diejenigen der Firmen, Banken und Hotels. Sonst aber ist Tokio eine Stadt der ein-, zwei-, drei-, vierstöckigen Häuser und der fast dörflichen Strassen. – Was die riesige Ausdehnung erklärt: Manche sprechen von 10, andere von 20 oder 30 Millionen Einwohnern, je nachdem, wo die Grenzen gezogen werden. Tokio ist eine Stadt ohne grosse Boulevards und – bis auf Ausnahmen – ohne auf Repräsentation ausgerichtete Häuser. Sie erscheint pragmatisch und funktional, aber nicht einfach lieblos: Da steht eine Pflanze, dort hat es eine zurechtgestutzte Hecke und die Gehsteige sind gewischt.


Doch weil in Tokio so respektlos abgerissen wird, was nicht mehr für seinen Zweck taugt, und wegen dem verheerenden Erdbeben von 1923 und der Bombardierungen von 1945 sind die wenigsten Häuser älter als 80 Jahre. Durch Abriss und Neubauten entstehen zuerst temporäre Brachen, dann dichteste, ineinander verschachtelte Wohnsituationen, Siedlungsstrukturen also mit finsteren Spalten zwischen den Häusern, Fassaden mit seltsam verteilten Fenstern. Als handle es sich beim Gebäude nicht um ein Wohnhaus, sondern um eine Maschine, verlaufen der Aussenhülle der Hausschachteln entlang Rohre und Kabel, und irgendwo sind Klimaanlagen und Lüftungen montiert. Das Haus ist eine Wohnmaschine für Menschen, und die Stadt ein grosser Maschinenpark.


Genau das hat Georg Aerni in seiner neusten, in Farbe fotografierten Arbeit interessiert. Nach Projekten in Paris, Barcelona und Hongkong hat er sich wiederum mit einer Stadt, einer asiatischen Megacity auseinander gesetzt. Er fotografiert keine unberührten Landschaften, keine Porträts der jeweiligen Bewohner, keine japanischen Blumenstillleben, er richtet seinen Blick auf Häuser und die Räume zwischen ihnen. Er fotografiert das Gebaute und die Organisation des Gebauten.


Wie kam das? 1959 in Winterthur geboren, studierte Georg Aerni von 1981 bis 1986 Architektur an der ETH in Zürich und fotografierte während dieser Zeit wie andere ambitionierte Amateure. Nach dem Studium arbeitete er im Winterthurer Architekturbüro Arnold Amsler, betreute den Bau des Schulhauses Büelrain und lernte im Lauf dieser Arbeit den Fotografen Balthasar Burkhard kennen, der damals ein Kunst am Bau-Projekt realisierte. Es ist der erste Kontakt mit professioneller Kunstfotografie. Mit der Idee, in einem Architekturbüro arbeiten zu wollen, reist Aerni deshalb 1992 nach Paris, bleibt, obwohl das nicht klappt, und erwandert die Stadt. Er sagt von sich: «Ich bin ein Fussgänger». Georg Aerni geht und beim Gehen sieht er – Häuser. Und beim Gehen und Sehen häutet er sich vom Architekten zum Fotografen, betrachtet die Häuser also nicht nur mit seinen Augen, sondern auch durch die Kamera. Die «Panoramas Parisiens» entstehen 1995/1996, indem er unter anderem den «Boulevard Brune» in 14 schwarzweissen Einzelbildern aufnimmt und Fassadenansichten zum Panorama reiht. Er interessiert sich dabei besonders für die Fugen und Brüche zwischen den Bildern, wo die frontal aufgenommene Fassadenebene durch angeschnittene Autos und fehlerhafte Dachübergänge gestört und die Wahrnehmung dieser spektakulären Häuserfronten subtil irritiert wird.


Dann folgt Barcelona. Georg Aerni beginnt erneut so, dass er die Stadt erwandert; es handelt sich hier also um das Verfertigen eines Themas beim Gehen. Er entdeckt, dass ihn die vielen Eckhäuser in Barcelonas Neustadt – katalanisch: Xamfrà – faszinieren, wandert in der Folge 2000 Eckhäuser ab und fotografiert von 1996 bis 1998 deren 150. Es entsteht ein dichtes Stadtporträt, eine Typologie auch, die sich an Aernis frühen Vorbildern Bernd und Hilla Becher orientiert. Wie schon die Pariser Panoramen sind die «Xamfrans» schwarzweiss, im Winter – Bäume ohne Blätter – und am frühen Morgen fotografiert, um dem Verkehr ausweichen zu können. Aerni wartet einen bedeckten Himmel ab und vergrössert die Fotografien in differenzierten Grautönen, um «Homogenität und Detailreichtum» zu erreichen. Georg Aerni untersucht in seinen Serien den jeweiligen Gegenstand mit einer gewissen Zurückhaltung, ja Bescheidenheit. Doch dokumentiert wird nicht zu einem ganz bestimmten Zweck, sondern die Serie fügt sich, vom konzeptuellen Grundgedanken zusammengehalten, auch aus stimmigen Einzelbildern zusammen. Sie gehen über die reine Dokumentation hinaus: Georg Aerni erforscht die jeweilige Kultur über die architektonische Situation, die Spuren menschlichen Lebens.


Homogenität und Detailreichtum ist ihm auch in «Slopes & Houses» wichtig, seinem 2000 realisierten Projekt. Für das in Farbe aufgenommene Stadtporträt Hongkongs ist Georg Aerni etwa auf einen der zahlreichen Hügel der Stadt gestiegen, um von halber Höhe aus in die Hochhaustürme hinein fotografieren zu können: Die Wohnblocks werden in diesen Einblicken in den Stadtraum zu seriellen Ornamenten, zum unendlichen Rapport. Und zwischen den Türmen eingeklemmt führen die mit Beton übergossenen Hügel, aus deren kreisförmigen Aussparungen Bäume wachsen, ihr seltsames Eigenleben. Mit Ausnahme kräftiger Rottöne, sind es die Grautöne der Betonflächen, die verschiedenen Weiss der Hausfassaden, das Grün der Bäume, die zart hellgrauen Himmel, die den Bildern eben wieder diese Homogenität bei gleichzeitigem Detailreichtum verleihen. Die Stadt wird zur Textur, zum Zeichensystem. Es ist eine vollständig durchgestaltete Landschaft mit unterjochter Natur, die zwar von emsigen Menschen erschaffen wird, in der sie dann aber eine marginale Rolle spielen. In einigen wenigen Bildern stehen oder sitzen sie als winzige Figürchen herum, ansonsten fehlen sie.

Und nun Tokio. Wiederum ist es der Fussgänger Georg Aerni, der sich der Textur dieser Stadt nähert. Er geht – angesichts der schieren Grösse – so weit es eben geht. Und entdeckt innerhalb eines Monats sein Thema, die Orte, an denen sich die Stadt und das Haus als Maschine offenbaren.
Die Geschichte der Stadt, so Georg Aerni, wird weniger durch die Häuser, als vielmehr durch die Kanäle und Flüsse erzählt. Nach wie vor fliessen sie durchs Häusermeer, doch über ihnen verlaufen die teilweise zweistöckigen Autobahnen des «Tokyo Metropolitan Highway» – wie die Autobahn über der Sihl in Zürich. In atemberaubenden Kurven, sich kreuzend und teilweise über die Wohnhäuser hinweg gelegt, sind sie als Hochbauten nicht einfach Strassen, sondern bilden selbst ein starkes architektonisches Element. Sie prägen die Stadt genauso stark wie die Kanäle und die wichtigsten Bahnhöfe, die verschiedene Zentren bilden.


Die überwältigende Komplexität des gebauten Raumes hat Georg Aerni herausgefordert, mit seinen Fotografien klar strukturierte Einsichten in diese Stadt zu geben. Wiederum kommt Georg Aernis Sinn für subtile Farbigkeit zum Tragen: Im Vordergrund des Bildes sind etwa die Farbe und Materialität der Wände – Kacheln und vorgefertigte Fassadenplatten, Asphalt und Strassenmarkierungen – zu sehen, dann geht der Blick in die perspektivische Tiefe des Raums, fokussiert auf Häusergruppen, Fassaden und Spalten zwischen den Häusern, auf Brachen und städtische Bruchstellen, um schliesslich in die Höhe zu steigen und den Hochhäusern und Autobahnen entlang in den zartgrauen Himmel zu gleiten. Tokio ist im Bau. Viel mehr als Zürich. Auch das sagen diese Bilder. Sie zeigen die Häuser als Zwitterding zwischen wohnlicher, schützender Haus-Hülle für introvertiertes Sein und funktionaler Maschine für das alltägliche, pragmatische Dasein.


Paris, Barcelona, Hongkong, Tokio – Georg Aerni geht es nicht darum, die oft beklagte Globalisierung der Städte, also ihre Austauschbarkeit deutlich zu machen. Im Gegenteil, jede seiner Serien zeigt das ganz Eigene jeder Stadt. Ein Glück.


Nadine Olonetzky