aus: Werkdokumentation Territorien, Galerie Bob Gysin, 2006

 

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Inspiriert von der direkten, dokumentarischen Fotografie entwickelte Georg Aerni seinen präzisen, kontrollierten Blick für räumliche Strukturen. Raumsituationen interessieren den Fotografen mit architektonischer Grundausbildung indes nicht allein als visuell erfahrbare Phänomene. So ist auch in seinem jüngsten Projekt der Blick des Architekten unverkennbar. Aerni untersucht in seinem Werkzyklus 'Territorien' die Schaugebilde von Zoologischen Gärten und ermittelt deren ästhetische wie auch architektonischen Grundlagen. Georg Aerni stellt erstmals in der Galerie Bob Gysin aus und präsentiert mit seiner dicht gehängten Schau eine pittoreske und zugleich analytische Sicht auf elf europäische Tiergärten.


Georg Aerni wendet sich in der Serie 'Territorien' erneut dem schlichten, unprätentiösen Bauen zu, dem die Etikette der Architektur als gestalterisch herausragender Baukunst meist nicht zugesprochen wird. Unter Berücksichtigung der beiden Vorgängerprojekte 'Slopes & Houses' (Hong Kong; 2000) und 'Insights' (Tokio; 2003), in denen der Künstler steile Hangbefestigungen beziehungsweise städtebauliche Zwischenräume aufspürte, lässt sich der Interessensschwerpunkt seiner neuen Arbeiten klar bestimmen. Aernis Fokus liegt bei funktionalistischen Bauten, die oft auf nackte Zweckhaftigkeit reduziert sind.


In seinem jüngsten Projekt spürt Aerni den Materialien und der Konstruktion von unterschiedlichen Zoogehege nach. Am Tektonischen, Szenographischen und beim Malerischen mit seinen Konnotationen des Unregelmässigen und Rauen bleibt sein Blick haften. Ein besonderes Augenmerk gilt den künstlich nachgebildeten Felsformationen, die mit ihrer Oberflächengestaltung eine Ästhetisierung der Zooarchitektur erkennen lassen.


Mit seinen 'Territorien' greift der Künstler nicht etwa ethische Fragen nach einer artgerechten Zoohaltung von Tieren auf. Seine Fotografien von Tiergärten zeigen unterschiedliche Haltungsweisen auf, gleichsam aber kommentarlos. Aernis Aufnahmen sind alle vom Fehlen jeglicher Bewohner gekennzeichnet. Dadurch entsteht eine eigentümliche Distanz, die die Aufmerksamkeit auf die formalen Eigenschaften der dargestellten Räume lenkt. Schliesslich vermitteln Aernis Zoogehege in der Rückführung auf ihre blosse Faktizität immer auch den Effekt des Sonderbaren. Seine Bilder zeigen die Künstlichkeit von Tiergärten auf, die selbst oder gerade da zutage tritt, wo versucht wird, die Natur nachzubilden

Ruth Littmann