von: www.sikart.ch, Lexikon und Datenbank, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft

 

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Georg Aerni wächst in Winterthur auf und schliesst 1986 Architekturstudium an der ETH Zürich ab. 1986–1992 Mitarbeit im Architekturbüro Arnold Amsler, Winterthur. Arbeitet seit einem Aufenthalt in Paris (1992–94) als Autodidakt mit dem Medium Fotografie. Es entsteht die erste bedeutende Werkgruppe Panoramas parisiens, die 1996 zur gleichnamigen Publikation und einer ersten Einzelausstellung im Pariser Musée Carnavalet führt. Ab 1996 diverse Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Erhält zahlreiche Werkstipendien (Aargauer Kuratorium: 1994, 1997, 2001, 2007; Stadt Zürich: 2004, 2006). Gastdozent an der Zürcher Hochschule der Künste, Studienbereich Fotografie (2001, 2009). Lebt und arbeitet in Zürich.


In seinen fotografischen Arbeiten setzt sich der ausgebildete Architekt Georg Aerni mit der Wahrnehmung und Darstellung des (öffentlichen) Raums, der Massstäblichkeit und der Komplexität gebauter und natürlicher Umwelt auseinander. Sein Interesse gilt dabei den bildästhetischen Qualitäten anonymer Architektur, unprätentiöser Zweckbauten oder städtebaulicher Zwischenräume. Obwohl menschenleer, verweisen seine Fotografien stets auf die Spuren menschlichen Daseins und Handelns.


Am offensichtlichsten ist die Schnittstelle zwischen Architektur und Fotografie in seinen ersten beiden konzeptuell angelegten Serien Panoramas parisiens (1992–95) und Xamfràns (1996–98). Als Stadtwanderer in Paris fotografiert er in der Tradition eines Eugène Atget mit seiner Fachkamera streng systematisch einzelne Häuserzeilen mit ihren spezifischen Gebäudefassaden. Die menschenleeren, immer bei gleichen Lichtverhältnissen aufgenommenen Frontalansichten fügt er dann zu Panoramabildern ganzer Strassenzüge zusammen. In Xamfràns wendet sich Aerni der Typologie des Eckhauses zu, wie es in der Neustadt Barcelonas in grosser Zahl und vielen Varianten anzutreffen ist. Die schlichten, schwarz-weissen Aufnahmen erinnern formal stark an die sachliche Architekturfotografie und die Bildsprache von Bernd (1931–2007) und Hilla Becher (geboren 1934).


Mit der städtebaulichen Charakteristik Hongkongs beschäftigt sich Georg Aerni in der Serie Slopes & Houses (1999–2000). Bei der Gestaltung seiner grossformatigen Farbfotografien rückt der Aspekt des Malerischen nun deutlich in den Vordergrund. Er zeigt Fassaden von Wohnhochhäusern als filigrane Ornamente und aufwendig konstruierte Hangverbauungen (Slopes), als wären es über die Erdoberfläche gelegte Gewänder. Die Thematik der äusserst artifiziellen Reinszenierungen von Natur nimmt Aerni auch in der Werkgruppe Territorien (2005) auf. Hier richtet er sein Augenmerk auf Zoogehege und erkundet ihre architektonischen, materiellen und ästhetischen Gegebenheiten. Durch die Abwesenheit der Tiere auf den Fotografien rückt die bühnenbildhafte Architektur ins Zentrum der Aufmerksamkeit.


In Tokyo entsteht die Serie Insights (2003), bei der er sich explizit den Räumen zwischen den Häusern und der komplexen Organisation gebauter Infrastruktur der «Megacity» zuwendet. Die zufällig aufeinander treffenden Baukörper erzeugen auf seinen Bildern ein neues, homogen wirkendes Ensemble aus Formen, Mustern, Oberflächenstrukturen und Farbnuancen. Die Synthese von Detailreichtum und Homogenität wird auch bei seiner jüngsten Arbeit Holozän (2006–08) deutlich spürbar. Die grossformatigen Frontalaufnahmen ermöglichen einen unmittelbaren, fast hyperrealistischen Blick auf unterschiedliche Fels- und Gletscherformationen. Entscheidend für die prägnante Bildwirkung ist wiederum der präzis definierte Bildausschnitt, durch den Aerni die eindeutige Interpretation einer Fotografie grundsätzlich in Frage stellt.
Werke: Fonds cantonal d’art contemporain de la ville de Genève ; Fotomuseum Winterthur ; Kunstsammlung Kanton Zürich; Sammlung der Stadt Zürich; Credit Suisse, Kunstsammlung; Schweizerische Nationalbank, Kunstsammlung; UBS Art Collection.


Sabine Münzenmaier: Aerni, Georg [2009], http://www.sikart.ch, Zugriff vom 16.2.2009.