aus: Georg Aerni – Slopes & Houses, Wien, 2002

 

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Die erste erhaltene Photographie der Welt, die »nach der Natur« hergestellt wurde (um 1827 von Nicéphore Niépce), zeigt den Blick aus einem Zimmer auf die gegenüberliegenden Häuser. Daß Architektur im 19. Jahrhundert häufig photographiert wurde, darf man nicht nur in ihrer Eigenschaft der Bewegungslosigkeit begründet sehen. Im Vordergrund stand vielmehr das Interesse an der enzyklopädischen Erfassung von kulturell und technisch bedeutsamen Bauleistungen, an der architekturhistorischen Auseinandersetzung sowie am Reisen. Architekturphotographien wurden somit hauptsächlich als wissenschaftliches Dokument und für die Produktion von touristischen Ansichtskarten benutzt. Zudem war Architektur immer auch Anlaß für »eigenständige« Aufnahmen, wobei der künstlerische Anspruch anfänglich noch wenig ausgeprägt war. Im Zuge der technik- und fortschrittsbegeisterten Moderne, die das Funktionale, Dynamische und Schnörkellose verehrte, kamen ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts industrielle Nutzbauten als Motiv hinzu (Albert Renger-Patzsch und Walker Evans). Der sachliche, serielle Stil von Bernd und Hilla Becher, die seit Ende der fünfziger Jahre verschiedene Gebäudetypen der Industriekultur photographieren, wirkt heute prägend über ihre Schüler an der Düsseldorfer Kunstakademie – beispielsweise Thomas Ruff, Thomas Struth, Candida Höfer, Boris Becker – hinaus.

Gegenwärtig fällt auf, daß überwiegend alltägliche Architektur – wie einst meist ohne Menschen – photographiert wird, so daß weniger das Gebäude an sich von Interesse ist, sondern mehr die künstlerische Aussage. Dabei wird der Blick zum Beispiel auf Fassadenoberflächen und Details gelenkt wie bei Heidi Specker und Jörg Sasse. Andere Künstler setzen sich mit dem Realitätsgehalt von Bildern und der Konstruktion von Wirklichkeit auseinander: anhand von selbstgebauten Modellen (Oliver Boberg und Thomas Demand), mit Hilfe der digitalen Bearbeitung (Andreas Gursky) oder der reinen Computersimulation (Martin Dörbaum). Georg Aerni wiederum vertritt eine andere Position, indem er Stadtstrukturen analysiert und sich mit den spezifischen Eigenschaften eines Ortes befaßt.

 

Andrea Domesle