aus: Georg Aerni. El Jardín de los ciclopes. Werkdokumentation Galerie Bob Gysin, 2013

 

 

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Weisse Planen in gebirgigem Gelände, Wasserbecken in diversen Formen, menschenleere Strassen gesäumt von abstrakten Plastikkuben: so präsentieren sich die neuen Arbeiten des Künstlers Georg Aerni. Wer sein Schaffen kennt, findet ihn wieder, den Blick des Fotografen für das Vertraute und gleichzeitig Fremde. Wir staunen darüber, wie nahe Formschönheit und abstossende Empfindung beieinander liegen können. Die Dokumentation von ruinösen Gegebenheiten und Landschaften lösen nicht Abneigung aus, viel eher stellt sich Neugierde ein.

Der Zürcher Künstler ist für seine dokumentarischen Fotografien bekannt, denen trotz direkter Bildsprache eine poetische und manchmal beklemmende Komponente innewohnt. Die Serie 'El jardín de los ciclopes' entstand im Gebiet Campo de Dalías, das östlich der Stadt Almería liegt und zum ehemaligen ‘Armenhaus’ Südspaniens gehört. Seit den 1960er Jahren hat sich die Region wirtschaftlich stark entwickelt. Durch den frühen Einsatz von Treibhäusern und dank billigen Arbeitskräften aus Nordafrika werden heute Agrarprodukte nach ganz Europa exportiert. Die Folgen der weltweit grössten Ansammlung von Treibhäusern sind für das Ökosystem der Region beträchtlich und problematisch.

Georg Aerni gelingt die Verschränkung von Kunst und Dokumentation durch die oftmals überraschende Wahl der präzisen Bildkomposition, die von der ortspezifischen Topografie profitiert. Die erhöhte Position des Fotografen ermöglicht einerseits einen distanzierten Blick - die Plastiklandschaft in der Aufsicht erscheint fast ‚aseptisch’ - andererseits vermittelt der Blick aus der Nähe die Materialität der Treibhäuser. Handelt es sich bei diesen Gebilden um Architektur? Wenn ja, wird hier eine Stadt gezeigt, eine unbewohnte Grossstadt? Wo befindet sich die Grenze zwischen Artifiziellem und Natürlichem? Die ganze Künstlichkeit wird vom Menschen geschaffen, um natürliche Produkte unserer Grundversorgung zu erhalten. Ganze Hügelzüge werden abgetragen, um horizontale Anbauflächen zu gewinnen. Georg Aernis Fotografien machen auch diese vom Menschen veranlasste Umformung der Landschaft sichtbar.

 

Marion Wild