aus: Georg Aerni. Promising Bay. Werkdokumentation Galerie Bob Gysin, 2011

 

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Das fotografische Werk Georg Aernis bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur und Natur, von Stadt und Landschaft. Ob Grossstädte wie Paris, Tokio oder Hongkong, ob zoologische Gärten oder alpine Gletscher, seine Bilder sind immer das Resultat einer intensiven Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort und seiner Geschichte und verweisen auf die ständige Transformation dieser unterschiedlichen Lebensräume.
So auch die Serie „Promising Bay“ aus Mumbai, welche von einer Stadt im Umbruch erzählt, von kartografisch nicht genau erfassbaren Zonen, deren Gestalt sich amöbenartig ständig verändert. Organische Strukturen vermischen sich mit rasterförmigen, geometrischen Konstruktionen. Entstehen und Zerfall liegen in den Werken von „Promising Bay“ nahe beieinander,  Baustellen und Bauruinen sind manchmal kaum auseinanderzuhalten.


Bedingt durch ein rasantes Wachstum infolge landesinterner Migration lebt die Hälfte der 14 Mio. Einwohner Mumbais in Slums. Durch ihre über hundert Jahre alte Geschichte befinden sich einige Slums heute im Zentrum der Megacity, wo sie einer wirtschaftsorientierten Stadtentwicklung mit hoher Mobilität im Wege stehen. Um den Bau von neuen Schnellstrassen, Bahngleisen und Hochhäusern voranzutreiben, versucht der Staat, diese Slums zu beseitigen, ihre Bewohner zu enteignen und in hochverdichtete, schlecht erschlossene Wohnbauquartiere am Stadtrand umzusiedeln. Private Immobilienfirmen erstellen dort für die Regierung kostenlos qualitativ minderwertige Wohnbauten und erhalten als Anreiz im Gegenzug das Recht, innerstädtisches, teures Bauland höher zu verdichten. Dieses profitable Geschäft hat an der Peripherie zu Geisterquartieren geführt mit leerstehenden Wohnsilos, deren vertikale Gebäudestruktur Arbeiten und Wohnen am gleichen Ort verunmöglicht.


‚Promising Bay’ macht auf respektvolle, unvoyeuristische Art und Weise die Lebensumstände Mumbais sichtbar. Waren in den früheren Serien jeweils nur menschliche Spuren sichtbar, so werden in einigen Bildern nun die Menschen selbst miteinbezogen. Stephan Berg schreibt dazu in ‚Sites & Signs’, der neuen Monografie zu Georg Aernis Werk: „Zum ersten Mal sind die Bühnen bevölkert. Zum ersten Mal werden nicht nur die Bedingungen des Stücks, um das es geht, sichtbar gemacht, sondern bis zu einem gewissen Grad die Akteure, das Stück selbst“. Dem Künstler ist diese herausfordernde Transition gelungen, es sind zwar Menschen im Bild, diese spielen aber nicht die Hauptrolle und sind auf selbstverständliche, subtile Art und Weise Teil einer präzisen Bildkomposition.