Pressetext Galerie Bob Gysin, 2018

 

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Minimalistische Baukörper aus Naturstein, geometrisch angeordnete Photovoltaik-Anlagen, opulent gewachsene Olivenbäume, diese unterschiedlichen Landschaftselemente der italienischen Provinz Apulien werden von Georg Aerni in der Werkserie „Plastiche“ einander gegenübergestellt. Die Suche des Künstlers nach Zivilisationsspuren im Wandel der Zeit verbindet die die nunmehr siebte Präsentation des Künstlers in der Galerie Bob Gysin mit den Serien „Artefakte“ (2006-2010) und „El jardín de los ciclopes“ (2012).

Die bis zu 2000 Jahre alten, knorrigen und wegen der Erdrotation im Uhrzeigersinn verdrehten Olivenbäume sind fast ausnahmslos Kulturpflanzen. Sie bestimmen das Landschaftsbild Apuliens, dem möglicherweise Veränderungen bevorstehen: der Krankheitserreger Xylella fastidiosa, der Olivenbäume austrocknen und absterben lässt, verbreitet sich seit 2012 kontinuierlich. Das Verschwinden von Olivenhainen könnte den Bau von Photovoltaik-Anlagen begünstigen, die als abgezäunte Industriegelände bereits heute viel ehemaliges Agrarland besetzen.
Taubenschläge zählen seit der Antike zu den ersten von Menschen geschaffenen Behausungen für Tiere. Die Taubentürme Apuliens Torri colombaie, deren Funktion sich von aussen nicht sofort erschliesst, gehörten zwischen dem 16. und 18. Jh. zum Gebäudeensemble von herrschaftlichen Landgütern. Sie stehen heute verlassen da als Zeugen einer vergangenen Zeit, in der Taubenkot als Dünger und Taubenfleisch zum Verzehr geschätzt wurden. Ihre Obsoleszenz und ihr solitäres Auftreten vereint sie mit den Pajare, einfachen Bauten aus Trockenmauerwerk, die eine regionale Besonderheit der ruralen Architektur Italiens darstellen. Diese Gemäuer dienten bis zum Aufkommen von motorisierten Transportmöglichkeiten Jahrhunderte lang als temporäre Wohnräume, Ställe oder kühle Speicher.

Bildinhalte, die zeitliche Prozesse befragen, stehen im Interesse von Georg Aerni. Mit einem stringenten Aufnahmekonzept in Bezug auf die Lichtverhältnisse und die Bildausschnitte sucht der Künstler in seinen Fotografien eine Stille, wie er diese vor Ort selbst erfahren hat.